Autorin: Dr. Ina Schicker
Quelle: Apothekenumschau 15. Oktober 1999, Wort und Bild Verlag


 
Soziale Phobie - Schüchternheit kann krankhaft sein
 
Manche Menschen haben eine quälende Angst davor, alltägliche Dinge in Gegenwart anderer Menschen zu tun. Für sie wird ein Restaurantbesuch zum Horrortrip. Die wenigsten wissen, daß sie unter einer Krankheit leiden, die gut behandelt werden kann
 
Was tun Sie, wenn auf einer Party Ihr Lieblingslied läuft? Einfach laut mitsingen und es genießen, daß Sie von allen Gästen angestarrt werden? Mit soviel Selbstvertrauen ausgestattet und unbeschwert sind nur wenige. Die meisten Menschen wären in so einer Situation wohl eher etwas zurückhaltender, weil sie nicht riskieren möchten, sich zu blamieren oder ausgelacht zu werden. Das ist eine ganz natürliche Reaktion.
 
Lähmende Angst vor der Blamage
Dagegen fürchtet sich jeder zehnte Deutsche generell vor der Gesellschaft mit anderen. Ganz alltägliche Situationen versetzen diese Menschen in Angst und Schrecken. Da wird schon ein Restaurantbesuch zum Horrortrip, weil der Betroffene in Gegenwart anderer bestellen und essen muß.; Die Fachleute bezeichnen das als soziale Phobie; sie gilt als eine behandlungsbedürftige Störung.
 
Angst macht den Betroffenen zum Beispiel die Vorstellung, daß andere sie für dumm, abstoßend oder lächerlich halten könnten, daß man ihnen die Nervosität ansieht, ihre Schwäche bemerkt. Diese Angst überfällt sie mit solcher Macht, daß sie sich nicht dagegen zur Wehr setzen können. Das Herz rast, Schweiß bricht aus, Muskeln verkrampfen sich, Magen oder Kopf schmerzen, sie können nicht mehr richtig durchatmen und auch nicht mehr angemessen handeln. Auf diese Weise beschwören Sozialphobiker genau die Situation herauf, vor der sie sich so fürchten.
 
Die meisten Sozialphobiker ziehen sich deshalb zurück und versuchen jeder möglicherweise schwierigen Situation aus dem Weg zu gehen. "Im Extremfall wagen sich solche Menschen gar nicht mehr aus den eigenen vier Wänden und weigern sich sogar ans Telefon zu gehen, weil sie sich vor dem Zittern in ihrer Stimme fürchten. Durch diesen massiven Rückzug verlieren sie Freunde und Bekannte, entwickeln schwere Depressionen und verschiedene körperliche Beschwerden", sagt Christoph Koban vom Zentrum für Psychotherapie der Universität Bochum.
 
Ein großes Problem ist, daß soziale Ängste in der Regel lange unerkannt bleiben. Angehörige oder Bekannte halten die Betroffenen nur für besonders schüchtern, aber nicht für krank. Dies hat oft auch damit zu tun, daß sich eine soziale Phobie meist in der Pubertät oder im frühen Erwachsenenalter entwickelt - einer Zeit also, in der viele Menschen vorübergehend ein angegriffenes Selbstbewußtsein haben und sich die Persönlichkeit verändert. Zudem entstehen soziale Ängste eher schleichend. Auch die Betroffenen selber wissen oft lange nicht, daß sie krank sind. Erster Schritt im Kampf gegen die Angst ist daher, sie als Krankheit zu erkennen, die behandelt werden kann. Denn je früher die Sozialphoble behandelt wird, desto besser die Heilungschancen.
 
Die Erkenntnis, daß sie mit ihrem Problem nicht alleine stehen, ist für Sozialphobiker besonders wichtig. Gerade wer sich aus Angst lange Zeit abgekapselt hat, findet meist erst in einer Gruppe von Leidensgenossen die Kraft für einen Neubeginn.
 
Der Neubeginn kostet viel Kraft
Sich endlich die über lange Jahre angestauten Ängste in einer Gruppe von der Seele reden zu können, empfand zum Beispiel der 44jährige Wolfgang "geradezu als Befreiungsschlag". Er ist überzeugt, daß bereits das Gespräch mit Menschen, denen man vertraut, "heilenden Charakter hat", berichtet er auf einer Internetseite für Menschen mit sozialer Phobie.
 
Gelegenheit zu Gesprächen unter Leidensgenossen gibt es insbesondere in Selbsthilfegruppen, beispielsweise der Deutschen Angststörungenhilfe und Selbsthilfe in München. Als erster Kontakt bieten sich auch Gesprächsforen und Mailinglists von Betroffenen im Internet an (Adresse: www.didi4u.de/psy/maillist.htm).
 
Zum Beispiel empfiehlt dort Michael, um sich von zwanghaften Gedanken ("Hoffentlich denkt der andere nicht schlecht von mir!") zu befreien, erste Übungen im Auto: "Warum nicht einfach mal den entgegenkommenden Fahrer freundlich grüßen?"
 
Daß solche Übungen sinnvoll sein können, bestätigen auch Fachleute. Vor allem Verhaltenstherapeuten arbeiten mit ähnlichen Methoden. Sie bezeichnen das schrittweise Herantasten an angstauslösende Situationen als systematische Desensibilisierung. "Hat jemand zum Beispiel Angst, jemanden anzusprechen, soll er es eben nicht gleich mit seiner Traumfrau im Cafe probieren, sondern erst mal mit einem redseligen älteren Herren in der S-Bahn oder einer Angestellten in der Bank", rät der Diplom-Psychologe Rüdiger Ullrich seinen Patienten.
 
Durch positive Erlebnisse das Verhalten ändern
Die Bedeutung positiver Erfahrungen betonen auch Ulrike Willutzki und Christoph Koban vom Zentrum für Psychotherapie in Bochum: "Ein wichtiges Problem bei Menschen mit sozialer Phobie ist, daß sie den Blick dafür verlieren, wenn etwas gut läuft und statt dessen immer nur die negativen Erlebnisse in Erinnerung behalten. Wir greifen in der Therapie solche verschütteten positiven Erfahrungen auf."
 
Rüdiger Ullrich ist zudem davon überzeugt, daß viele soziale Fähigkeiten besonders wirkungsvoll mittels Rollenspielen in einer Gruppe geübt werden können.
 
Grundsätzlich ist es nicht leicht, lange gehegte Ängste loszuwerden. Oft brauchen die Patienten in dieser schwierigen Zeit eine Einzeltherapie.
 
Aus ärztlicher Sicht werden Medikamente bei sozialen Ängsten möglichst nur vorübergehend und bei massiven Beschwerden eingesetzt, um den Teufelskreis der Angst zu durchbrechen. In Frage kommen dafür beispielsweise verschreibungspflichtige Arzneimittel aus der Depressionstherapie und auch Betablocker, die eine Überaktivität des Herzens verhindern.
 
Hier bekommen Sie Hilfe:
 
DASH Deutsche Angststörungenhilfe und Selbsthilfe
c/o MASH Münchner Angst-Selbsthilfe e.V.
Bayerstr. 77a
80355 München
 
Zentrum für Psychotherapie
Fakultät für Psychologie
Ruhr-Universität Bochum
44780 Bochum
Tel.: 02 34/ 7 00 77 88
Fax: 02 34 /7 09 43 04
 
Flucht nach vorne
Warum manche Menschen aus Angst zum Ekel werden

Vorwärtsvermeider sind Menschen, denen man ihre Sozialangst nicht anmerkt, weit sie sich nicht zurückziehen, sondern die Flucht nach vorne antreten: Ihre Angst treibt sie dazu, unangenehm aufzufallen und die Aufmerksamkeit anderer zu erregen, oder aber zu einem extremen Perfektionismus nach dem Motto "ja keine Fehler machen". Irgendwann halten sie dem enormen seelischen Druck, unter den sie sich selber setzten, jedoch nicht mehr stand und brechen depressiv und von Gefühlen der Wertlosigkeit geplagt zusammen. Selbstmordgedanken und Flucht in Alkohol oder andere Drogen sind oft die Folge.
 
 
Machen Sie den Test: Sind Sie krankhaft schüchtern?
 
1. War Ihnen eine der folgenden Situationen schon einmal so unangenehm, daß Sie ihr lieber aus dem Weg gegangen sind oder sie nur unter großer Angst durchstehen konnten?
· in einer Gruppe bekannter Personen das Wort zu ergreifen
· an einem öffenlichen Ort (Restaurant, Kino u.ä.) zur Toilette gehen
· in der Öffentlichkeit essen oder trinken
· mit anderen sprechen, aus Sorge, nichts zu sagen zu haben oder "Unsinn" von sich zu geben
· etwas schreiben, wenn ihnen jemand dabei zusieht
· vor einer kleinen Gruppe fremder Menschen zu sprechen
 
Falls Sie eine oder mehrere dieser Fragen mit "ja" beantwortet haben, lesen Sie weiter:
 
2. Haben die Ängste über längere Zeit (monatelang) angedauert?
 
3. Haben diese Ängste Sie jemals daran gehindert, zu einer Feier, einem Treffen oder einer sonstigen gesellschaftlichen Veranstaltung zu gehen?
 
4. Werden Sie in solchen Angstsituationen oder allein schon beim Gedanken daran
 
-sehr nervös, schwitzen Sie, haben Sie Herzklopfen oder werden Sie kurzatmig?
-erröten oder zittern Sie?
-fürchten Sie, erbrechen zu müssen?
-fürchten Sie, daß Ihnen etwas sehr Peinliches passieren könnte?
 
Wenn Sie mehr als eine der Fragen (ab 2.) mit "ja" beantwortet haben, leiden Sie möglicherweise an einer sozialen Phobie und sollten sich therapeutischen Rat holen.
 
 
Veröffentlichung des Artikels mit freundlicher Genehmigung der Apothekenumschau, Wort und Bild Verlag und der Autorin Dr. Ina Schicker
 
Dr. Ina Schicker
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